Wissensmanagement kurz erklärt und angewendet

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Rezension zu Pirchers „Wissensmanagement, Wissenstransfer, Wissensnetzwerke“

Dr. Richard Pircher, Studiengangsleiter für Bank- und Finanzwirtschaft an der Fachhochschule des bfi Wien, bietet in seinem aktuellen Buch „Wissensmanagement, Wissenstransfer, Wissensnetzwerke. Konzepte, Methoden, Erfahrungen.“ einen umfangreichen Fundus an WM-Instrumenten sowie viele Anwendungsbeiträge von Forschern, Unternehmensvertretern und Beratern.

Das Buch beginnt mit drei Geleitworten von Vertretern aus Beratung, Forschung und Unternehmen (S. 6-10). Der weitere Inhalt des Buches – das Überblickkapitel von Herrn Pircher zum Thema WM und dessen Einführung (Kap. 1), weitere Konzept- und Methodenbeschreibungen (Kap. 2, 13, 16, 17, 20), sowie die „dazugehörigen“ Fallstudien – folgt der Fokusmetapher „Baum“ (S. 15).

Von einem Buch mit dem Titel „Wissensmanagement, Wissenstransfer, Wissensnetzwerke“ hätte ich, zumindest im Überblickkapitel, erwartet, dass dort nicht nur speziell auf das Thema WM im Allgemeinen, sondern auch auf die beiden anderen Begriffe bzw. Konzepte konkret(er) eingegangen wird. Abgesehen davon, wenn es sich schon bei den zentralen Konzepten, die ausführlich erklärt und für die Fallbeispiele geboten werden, um organisatorisches Wissensmanagement (Kap. 1), Soziale Netzwerke bzw. Wissensnetzwerke (Kap. 13) und Wissensentwicklung bzw. Innovation (Kap. 16, 17) handelt, dann hätte man sich beim Titel des Buches eher daran und in dieser „aufsteigenden“ Reihenfolge orientieren sollen. „Wissenstransfer“ im Titel nimmt meines Erachtens einen etwas Stiefmütterlichen Platz ein.

Die Fokusmetapher „Baum“ kann sicherlich dienlich sein um zu illustrieren wie Wissen gehegt und gepflegt werden muss, damit es sprießt , wächst und letztendlich reife Früchte trägt. Zur Verdeutlichung des weiteren Buchinhalts halte ich die Metapher aber nicht für angebracht. Zum Einen kann man sich streiten, welche WM-Konzepte, welchen Platz im WM-Baum einnehmen (Stw. Priorisierung/Reihenfolge – z.B. Wissensidentifikation kommt vor Wissenserwerb) oder ob evt. weitere WM-Konzepte fehlen (z.B. Wissen anwenden). Zum Anderen ist es schwierig die Fallstudien bestimmten WM-Konzepten zuzuordnen, da darin mehrere Konzepte gleichzeitig einfließen. Dies zeigt ja auch die Kapitelzuordnung in der Abbildung. Damit verliert das Inhaltsverzeichnis auf Grundlage der Fokusmethapher „Baum“ beim weiteren Lesen an Bedeutung. Dies hätte man vermeiden können, wenn man von Anfang an konsequent so vorgegangen wäre wie gegen Ende des Buches – Konzept wird (kurz) erklärt, darauf folgen entsprechende Fallstudien (s. Soziale Netzwerke (Kap. 13), Innovationsmanagement (Kap. 16, 17)). In diesem Zusammenhang vermisse ich auch eine Fallstudie zu den Konzepten/Methoden ‚Persönliches WM’ (Kap. 2) und ‚Ethik-Management’ (Kap. 20).

Bis auf wenige kleine Ausnahmen im Überblickkapitel und einer extremen in Kap. 11, ist das Buch gut lesbar und verständlich geschrieben. Zäh zu lesen ist z.B. die seitenlange Auflistung von Methoden und Instrumenten des organisatorischen WMs (S. 51-58), die aber gleichzeitig ein guter Ideengeber darstellen kann. Stilistisch zu bemängeln ist wieder einmal die häufige Verwendung von englischen (Fach-)Begriffen. Dies liegt aber wohl in der Natur der Autoren und orientiert sich evt. auch an der Zielgruppe des Buches. Deswegen hätte ich eigentlich auch gar nicht darauf hingewiesen, wenn nicht auf S. 265 anstatt der deutschen Abkürzung „d.h.“ das englische Gegenstück „i.e.“ verwendet worden wäre. Sicher, es handelt sich dabei wahrscheinlich nur um ein Versäumnis bei der Übersetzung, weist aber, wenn vielleicht auch unbeabsichtigt, extrem auf den erwähnten Mangel hin.

Inhaltlich sind das Überblickkapitel und die anderen Kapitel mit den Konzept- bzw. Methodenbeschreibungen ganz gut bis sehr gut gelungen.

Mit der Angabe von

  • Kommunikationsmedien (die sich zur Kodifizierung, Personalisierung und Sozialisierung eignen) // S. 41ff //,
  • Methoden und Instrumenten des organisatorischen WM (kategorisiert nach übergreifenden -, Wissensentwicklungs-, Wissenskommunikations-, Wissensidentifikations-, Wissenserwerbs- und Wissensrepräsentationsmethoden und Instrumenten) // S. 51ff // sowie
  • Methoden für persönliches WM (die nach gewissen Zielen und Fragestellungen des persönlichen WM unterteilt sind) // S. 82ff //,

bekommt man in den ersten beiden Kapiteln ein reichhaltiges Werkzeugset für das WM geboten.

Für die Beschreibung von WM im Überblickkapitel werden die dazu notwendigen Konzepte von verschiedenen Autoren geborgt und einfach aneinandergereiht ohne, dass man wirklich einen Zusammenhang erkennen kann. Wie üblich beginnt die Beschreibung des WMs auch wieder bei den kleinsten Einheiten – Daten, Informationen und Wissen(sarten), anstatt zunächst auf das Große Ganze einzugehen um von dort aus die Bestandteile des WM im systemischen Kontext zu definieren. Die Aussage „Wissen ist an Menschen gebunden“ (S. 18), die Metapher von Wissen als „Eis“ (= Daten- und Informationswissen) (S. 22), die bedeutungsvolle Unterscheidung zwischen Daten, Informationen und Wissen (S. 20f) sowie Kodifizierung als Bestandteil der Wissenstransferstrategie (S. 36ff) beißen sich bei der Beschreibung des WM und stiften, wie so oft, mehr Verwirrung als Klarheit. Ungewöhnlich aber auch ein wenig undurchsichtig ist, dass Wissen als „Erwartungshaltung“ definiert wird (S. 18). Ein weiteres relatives Novum ist die Einbeziehung der „Ränge des Nichtwissens“ und die Beschreibung ihrer Bedeutung für das WM (S. 30ff).

Obwohl einige der zusammengetragenen Fallstudien schon älteren Datums zu sein scheinen (z.B. Kap. 10, 12), sind sie alle inhaltlich ansprechend, informativ und lehrreich. Alle, bis auf die bereits erwähnte Fallstudie in Kapitel 11, bei der es um semantische Technologien im Unternehmen 2.0 geht. Diese Fallstudie bzw. Szenariobeschreibung ist selbst für den einigermaßen informierten Leser nur schwer verständlich. Ansonsten handelt es sich um eine gute Mischung aus Beiträgen von Forschern, Unternehmensvertretern und Beratern. Besonders gelungen ist die Fallstudie in Kap. 6 – die „Implementierung von Yellow Pages als Ausgangspunkt für eine Unternehmensweite Wissensträgerkarte in der Raiffeisen Informatik“. Diese Fallstudie zeigt eindrucksvoll, wie eine Informationstechnologie unter Einbeziehung der späteren Anwender und unter Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse personalisiert, mit geschäftlichen und privaten Komponenten erfolgreich und nachhaltig in einem Großunternehmen integriert eingeführt werden kann.

Generell muss man bei Fallstudien natürlich auch noch erwähnen, dass diese in einem bestimmten, einzigartigen Zusammenhang, d.h. Kontext, entstanden sind. Sie sind also nicht so ohne Weiteres einfach genauso in einer anderen Situation anwendbar. Des Weiteren gilt bei Fallstudien immer die Binsenweisheit „Papier ist geduldig!“. Heißt, Erfolgsgeschichten gehen flüssiger von der Hand als Erfahrungen aus gescheiterten Projekten. Deshalb sollte man immer vorsichtig sein und „prüfen, wer sich bindet“.

Fazit:

  • Verständlichkeit: Bis auf wenige Ausnahmen auch für Laien geeignet!
  • Innovation: Eher nicht, alles schon bekannt
  • Praktischer Nutzen: In jedem Fall, durch das umfangreiche Werkzeugset für das WM und die vielen Fallstudien, als Ideengeber sehr zu empfehlen

Referenz:

Pircher, Richard (Hg.): Wissensmanagement, Wissenstransfer, Wissensnetzwerke: Konzepte, Methoden, Erfahrungen. Publicis, April 2010, ISBN: 3895783609, Google.Bücher: http://books.google.com/books?id=8ZcQQgAACAAJ


Links:


Hinweis:

Auf alle Rezensionen, die bisher im Literaturforum der XING-Gruppe KM veröffentlicht worden sind, können Sie von der Übersichtseite im Wiki der Gruppe zugreifen.


Bildnachweis: Inhalteverseichnis…“Baum“ © Richard Pircher

2 Antworten zu “Wissensmanagement kurz erklärt und angewendet”

  1. Aufgrund dieser „sehr gute[n] Rezension“ und weil ich auch „einen guten Überblick zum Thema“ habe, wurde ich vom Herausgeber des Buches, Prof. Dr. Richard Pircher, angeschrieben, um ihm Ratschläge für die zweite Auflage des Buches zu geben.

    Prof. Dr. Richard Pirchers Rückmeldung dazu:

    „[V]ielen Dank, das sind sehr wertvolle Anregungen und Kontaktinfos!“

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